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Alle Jahre wieder

Den Medien zufolge scheint die Börse wie ein Rad zu sein, das sich im Laufe der Jahreszeiten dreht. Jedes Quartal weise seine Besonderheiten auf: Spitzenmonate folgten auf Wochen, in denen es heißt „Abwarten und Tee trinken“. bullVestor hat bei Experten nachgefragt, wie viel von den so genannten saisonalen Schwankungen der Wahrheit entspricht und wie viel Mythos ist.

Das Börsenjahr sieht folgendermaßen aus: Während im Frühjahr ein Hoch auf das andere folgt und die Aktienkurse sich gegenseitig überbieten, muss sich der Investor ausgerechnet im Sommer ein warmes Fell anziehen und mit Verlusten rechnen. Das wird jedenfalls von den Medien suggeriert. Als Beleg werden Statistiken aus der Zeit von 1950 bis 2004 angeführt, denen zufolge die Monate November bis April dem Dow Jones einen durchschnittlichen Wertzuwachs von 8% brachten, während in der Sommersaison lediglich ein Ertrag von 0,3% erzielt wurde. Bernd Niquet, Börsenkolumnist und Schriftsteller, lässt das kalt: „Ich kümmere mich wenig um Statistiken. Meine sechsjährige Tochter ist Linkshänderin und will immer von mir wissen, ob sie deswegen klüger ist als andere. Ich sage dann, statistisch ja, aber für dich heißt das nichts.“

Sell in May and Go Away

Einer alten Börsenweisheit zufolge wäre der Mai der beste Zeitpunkt, um seine Wertpapiere zu veräußern. Wieder gibt es Statistiken, wonach man bei Befolgung dieser Strategie wesentlich besser fährt, als wenn man das ganze Jahr über investiert. Niquet meint dennoch: „Dieses Bonmot ist heute so bekannt, dass es sich wohl eher selbst außer Kraft gesetzt hat durch seinen Bekanntheitsgrad.“ Joachim Goldberg, Börsenpsychologe, sieht das ähnlich: „Zyklen sind sehr oft Zufälligkeiten, aus denen Regeln abgeleitet werden. Diese Zufälligkeiten treten sehr selten auf und sind statistisch gesehen kaum haltbar. Natürlich kennt man solche Geschichten wie ,Sell in May and go away’, aber das heißt noch lange nicht, dass man mit ihnen Geld verdienen kann. Stellen Sie sich vor, ich würde mich in Frankfurt auf die Zeil stellen und den Passanten sagen, dass 50 Meter unter mir ein Haufen Gold ist. Das würde sich sofort wie ein Lauffeuer verbreiten, und alle würden mit einem Spaten zu graben anfangen. Vielleicht würden sie Gold finden, aber der Anteil eines Einzelnen wäre so gering, dass es sich nach Abzug der Kosten unter Umständen nicht lohnt.“

Ein Mythos jagt den anderen

Ebenfalls stark strapaziert ist das ominöse „Sommerloch“. Darauf folge der „Horrormonat“ September, erst danach empfange die Börse ihre Aktionäre wieder mit offen Armen und setze zum Jahresendspurt an. Neben einer Tasse Punsch und wohlschmeckenden Plätzchen könne man dann in gemütlichen Wintertagen das Jahr mental abschließen und über neue Investitionen im kommenden Jahr nachdenken, in das die guten Vorsätze projiziert würden. Die Erwartungen, viel Ertrag zu erwirtschaften, würden anfangs erfüllt, denn die Börse habe im ersten Quartal die Spendierhosen an. Diplom-Psychologe Rüdiger Skrzypek erklärt das Phänomen wie folgt: „Ich denke, es ist die Liquidität. Wenn Liquidität vorhanden ist, dann steigen die Kurse, und logischerweise fallen die Kurse, wenn Liquidität fehlt. Zum Jahreswechsel ist Geld vorhanden, weil Gelder aus diversen Quellen frei werden: Da steigt einfach die Börse.“ Fakt ist: Mitarbeiter erhalten am Jahresende häufig von ihren Arbeitsgebern Sonderzahlungen oder es kommt zur Zinsausschüttung festverzinslicher Anlageformen. Diese frei verfügbaren Finanzmittel investiert der Spekulant erneut in den Aktienmarkt. Niquet dazu: „In Hinsicht auf saisonale und zyklische Schwankungen bin ich sehr skeptisch. Natürlich gibt es Effekte wie beispielsweise hohe Zinszahlungen am Jahresanfang, die eine erneute Anlage erforderlich machen, sowie eine ferienbedingte relative Abstinenz im Sommer. Doch ich denke, dass diese Faktoren durch andere Faktoren ,überformt’ werden. Die Psychologie scheint mir entscheidend zu sein, doch diese hält sich gemeinhin an vollkommen andere Zyklen als saisonale. Unsere Psyche suggeriert uns, dass etwas, was lange gut gegangen ist, auch weiter gut geht. Und was lange schlecht war, auch weiterhin schlecht gehen wird.“

Was wäre, wenn …

Damit spricht Niquet den so genannten „Self-fulfilling-Prophecy“-Effekt an. Angenommen, niemand wisse von diesen Schwankungen innerhalb eines Jahres. Was würde dann passieren? Könnte es sein, dass die „Fieberkurse“ der Börse weniger ausschlagen würde, weder nach oben noch nach unten? Könnte es sein, dass man bis zu einem gewissen Grad das Phänomen selbst erzeugt? Indem viele Investoren diesen hartnäckigen Börsenweisheiten Glauben schenken und danach ihre Handlungen an der Börse ausrichten und so eine Kettenreaktion auslösen? Skrzypek ist von dieser These weniger überzeugt: „Meines Erachtens handelt es sich bei der Saisonalität nicht um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wenn man nur einen Moment betrachtet, beispielsweise steigende Kurse im Januar, dann könnte es vielleicht zutreffen. Betrachtet man aber ganze Zyklen, dann scheint es mir sehr unwahrscheinlich. Menschen wollen schließlich immer nur steigende Kurse sehen.“

Wie in der Formel 1

Wie auch immer: Den entscheidenden Auslöser für eventuelle saisonale Schwankungen an der Börse scheinen eher Institutionen wie Versicherungen, Pensionskassen oder Fonds zu haben. Diese kann man mit einem Formel-1-Fahrer vergleichen: Sie versuchen am Anfang einen erfolgreichen Start hinzubekommen, um sich einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu sichern. Laut Statistiken platzieren Großinvestoren im ersten Quartal 32% ihrer Finanzmittel. Am Jahresende, kurz vor der Ziellinie, muss noch einmal Gas gegeben werden: Rund 30% fließen ins letzte Quartal. Demzufolge stehen für das restliche halbe Jahr, also für den Zeitraum von April bis September, weniger als ein Drittel der Fondsgelder zur Verfügung. Risikobereitschaft spielt hier eine große Rolle: Besonders zu Jahresbeginn zeigen Fondsmanager Mut zum Risiko und handeln aggressiv. Im Verlauf des Jahres nimmt die Risikobereitschaft ab, jeder will seine geernteten Lorbeeren gut behüten, bevor man am Ende des Jahres noch einmal allen Mut zusammennimmt, um das Gesamtergebnis zu optimieren.

Keine Regel ohne Ausnahme

Wenn es um Rohstoffe geht, treffen diese angeblichen Mechanismen allerdings nicht immer zu. Vor allem bei Gold und Öl wird mit etwas anderen Karten gespielt. Zu Jahresbeginn, wenn alle satte Gewinne einheimsen, hält die Goldbranche noch ihren Winterschlaf. Die Vergangenheit zeigt, dass dem Edelmetall in den Monaten Jänner bis Mai meist Verluste zuzuschreiben sind. Doch wenn die Sonnenstrahlen wärmer werden, erwacht das Edelmetall und erstrahlt im vollen Glanz, während bei den meisten Wertpapieren der Performance-Knick zu erwarten ist. Demzufolge wäre es eine interessante Alternative, zu dieser Zeit sein Geld in Gold zu investieren, zumal das Ende der Gold-Rallye beinahe perfekt an den Beginn des alljährlichen Endspurts am Aktienmarkt anschließt. Beim „Schwarzen Gold“ sieht die Lage etwas anders aus: Im Zeitraum von Oktober bis Februar ist traditionellerweise eine mäßige Kursentwicklung zu erwarten, während für den Rest des Jahres von einem Aufschwung in der Ölbranche auszugehen ist. Eines bleibt zu sagen: Der Börsenzyklus beruht auf einzelnen vergangenheitsbezogenen Erfahrungen. „Niemand kann in die Zukunft blicken, und es gibt keine Garantie dafür, dass es immer so sein muss“, so Skrzypek. Es kann sein, dass sich schon morgen alles ändert. Beispiele gibt es genug aus der Vergangenheit. Der Markt hat seinen eigenen Charakter, der sich jederzeit verändern und neue Regeln festlegen kann. Genauso kann sich das Denken der Anleger verändern. „Menschliches Verhalten ist nicht gesetzmäßig, jedenfalls nicht in den entscheidenden und bedeutenden Bereichen. Ein guter Börsianer ist wie ein guter Psychoanalytiker, er ist ein Künstler und kein Wissenschaftler. Er erspürt die Dinge von innen“, ist Niquet überzeugt.

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Skrzypek on August 30th 2007 in Interview, Massenpsychologie, Saisonalität

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